Dieser Club zieht Musikfans aus aller Welt nach Dortmund

Laut, leise, schnell, gediegen, plötzlich, zackig, rhythmisch und unerwartet.

Das alles ist Jazz! Der Musikstil lebt von Improvisation, ist individuell und vor allem vielfältig: „Es kann jederzeit alles passieren. Das Spektrum ist riesig. Jedes Konzert kann anders klingen“, sagt Waldo Riedl begeistert.

Aufmacherfoto: domicil / Guenter Maiss

Riedl ist Geschäftsführer des Dortmunder Jazzclubs „domicil“ – laut dem amerikanischen Down Beat Magazin immer wieder einer der 100 besten Jazzclubs der Welt! Das musikalische Spek­trum im domicil reicht von ModernJazz über Electronics bis hin zu Funk, Soul, Avantgarde, Groove und World Music.

Den Club gibt’s seit bald 50 Jahren – ohne Pause, betont Riedl sichtlich stolz. Möglich machen das vor allem ehrenamtliche Helfer. Etwa 70 Aktive im gemeinnützigen Verein „domicil Dortmund e.V.“ packen regelmäßig fleißig mit an.

Überregionale Bekanntheit

Zuschauer im kleinen Saal.
Foto: domicil

Mit Erfolg!  Das domicil hat sich einen beträchtlichen Ruf aufgebaut – nicht nur in Dortmund, sondern auch überregional, wie schon die Magazin-Anerkennung aus den USA erahnen lässt. Fans reisen beispielsweise regelmäßig aus den Niederlanden an. Sogar aus Japan gab es schon Besucher.

Genauso international wie das Publikum, sind die Musiker: Götz Alsmann, Attila Zolle, Betty Carter, Kurt Elling, Lester Bowie, das Vienna Art Orchestra und Dexter Gordon standen hier zum Beispiel schon auf der Bühne.

Bühne und Publikum verschmelzen

Davon gibt’s insgesamt zwei: eine im kleinen und eine im großen Saal. Und die punkten mit einer ganz eigenen Atmosphäre. Anders als bei Riesen-Konzerten, wo sich die Menschenmassen nach vorne drängen, auf Zehenspitzen stellend, um wenigstens kurz einmal einen Blick auf ihr Idol erhaschen zu können, ist vor allem der kleine Saal fast schon intim. Er erinnert an ein gemütliches Wohnzimmer; ist auch ungefähr genauso schnuckelig „gross“. Künstler und Publikum kommen sich bei Auftritten ganz nah. Einmal den Arm ausstrecken und schon könnte man den Musiker berühren – macht man aber natürlich nicht, schließlich will man die gute Musik auf keinen Fall unterbrechen.

Direkt nebenan ist die Bar – der Weg beinah kürzer als zu Hause vom Fernseher zum Kühlschrank. Der kleine Saal ist das Herzstück des domicils und ein Raum voller Erinnerung. An eine Zeit, in der das domicil noch in einem kleinen Keller im Dortmunder Norden (Leopoldstraße) untergebracht war, der dann irgendwann aber platztechnisch doch nicht mehr ganz reichte.

Wachstum

Der große Saal von oben.
Foto: domicil

Es musste ein neuer größerer Standort her. 2005 war es so weit. Der Club zog in die Dortmunder Innenstadt an die Hansastraße; ist seitdem Teil des „KulturTriangels“, bestehend aus dem Konzerthaus Dortmund, dem Orchesterzentrum | NRW und eben dem domicil. Das Kulturbüro Dortmund fördert den Club.

Am neuen Standort erinnert der kleine Saal zwar immer noch an die Anfangszeiten – ist dem Kellerclub nachempfunden, aber mit der Ergänzung eines großen Saals wurde Platz für große Konzerte geschaffen.

In den zweiten Saal passen bis zu 500 Leute. Obwohl der Raum beträchtlich größer ist, soll das Besondere am Jazz – die Nähe zum Künstler – erhalten bleiben: Sitzgelegenheiten sind offen gestaltet, Bänke an den Seiten erinnern an das Gemeinschaftsgefühl eines Stuhlkreises: Das Publikum genießt zusammen; nicht einzeln. Laut Riedl sind das auch die beliebtesten Plätze. Bei allen, nicht nur bei ausgewiesenen Jazzliebhabern.

Kostenlos Schnuppern erwünscht

Drei Musiker spielen Jazz.
Foto: domicil/ Kurt Rade

Denn der Club lockt auch regelmäßig Neugierige an: Stimmt es eigentlich wirklich, dass Jazzmusik immer so laut ist, oder ist das vielleicht doch nur ein Vorurteil? In Dortmund können sie es austesten. Und das sogar ganz risikofrei, weil häufig kostenfrei. Denn das domicil versteht sich auch als Kulturzentrum. Es will Menschen an den Musikstil heranführen; sie ebenso dafür begeistern, wie Riedl es ist. Deswegen finden immer wieder kostenlose Veranstaltungen statt: „Ich wünsche mir, dass noch viel mehr Leute Jazzmusik entdecken, sich einfach drauf einlassen und ihren Ohren und Herz vertrauen. Ich verspreche wunderbare Erlebnisse“, sagt Riedl.

Schnuppern, ob’s ihnen nun gefällt oder eben doch nicht, können Neugierige zum Beispiel bei der Monday Night Session – jeden Montag spielen hier die besten jungen Sessionmusiker aus Nordrhein-Westfalen zusammen mit einer Opener-Band.

Ein weiteres Schnupperangebot ist „The dorf“. Das ist seit 2006 das Hausensemble des domicil. Es wird von Saxofonisten und Komponisten Jan Klare geleitet: „Der Club bildet in einer sehr lange Tradition der  improvisierenden Musik in vielen Facetten ab – noch immer hat das domicil, was diese Musik angeht, den Finger am Puls der Zeit“, sagt er. Einmal im Monat kommen bei „the dorf“ zwischen 15 und 25 Musiker zusammen, um mit seinen Kompositionen zu arbeiten.

domicil = Plattform, Arbeitshaus und Treffpunkt

Der Leuchtbanner des domicils.
Foto: domicil

Denn das domicil betreibt auch Kulturförderung, ist ein Arbeitshaus, eine Plattform. Es bringt Musiker über Projekte zusammen, gibt den Nachwuchs die Möglichkeit, sich zu präsentieren.

Gleichzeitig ist es ein Treffpunkt für jedermann. Der Eingangsbereich ist eine Bar im urbanen Sil: „Die Bar könnte so auch in New York stehen“ , sagt Riedl. Selbst Jazzskeptiker finden in der mehrfach ausgezeichneten Bar bei den zahlreichen Spirituosen und Cocktails sicherlich etwas, das ihnen gefällt. Oder sie werfen mal einen Blick ins Treppenhaus, wo regelmäßig Kunst ausgestellt wird. Alternativ lädt das domicil an manchen Abenden auch zu Partys ein.

Ihr habt jetzt Lust, Euch das domicil anzuschauen? Dann haltet nach Dunkelheit einfach Ausschau nach dem 40 meterlangen Banner oder lauft einfach zur Hansastraße. Die U-Bahn-Haltestelle „Kampstraße“ ist direkt in der Nähe. Viel Spaß!


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