Nordstadt mal anders: Künstler designen Ferienwohnungen am Borsigplatz

Lass uns doch einmal Urlaub in der Dortmunder Nordstadt machen – eine Idee, die wohl eher selten ist. Denn sind wir ehrlich, dann ist der Ruf der Nordstadt  nunmal nicht unbedingt der Beste. Doch das Viertel gibt sich nicht auf, sondern arbeitet mit vereinten Kräften der Nachbarschaft an Verbesserungen; wie etwa im Verbund Kreativ.Quartier Echt Nordstadt. Die neuste Idee: Zwei Ferienwohnungen direkt am Borsigplatz; gestaltet von Künstlerinnen. Der Projektname: appARTment.ruhr.

Durch das Buchen der Ferienwohnung sollen auch Menschen von außerhalb erleben, was sich im Viertel tut, seine Gastfreundlichkeit und Kreativität hautnah erleben – eingebettet in das ganz normale Alltagsleben; denn die Ferienwohnungen befinden sich in normalen Wohnhäusern an der Oesterholzstraße. „Ich hoffe, dass die Besucher erkennen, dass die Nordstadt sehenswert ist. Nicht nur wegen ihrer schönen Natur wie etwa im Hoeschpark, sondern auch wegen der Leute, die hier leben: ehrliche, nette Menschen“, sagt Volker Pohlüke von „Machbarschaft Borsig11 e.V.“ – einem der Vereine, die am „Kreativ.Quartier“ beteiligt sind. Er selber ist vor zehn Jahren zugezogen, gerne geblieben und begeistert von den kreativ gestalteten Wohnungen.

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Logo: appARTment.ruhr

Stahl trifft auf Stadtplan

Diese könnten wohl unterschiedlicher nicht sein. Die eine greift Dortmunds Vergangenheit als Stahlstandort auf; die andere ist ein buntes Sammelsurium an Tipps, Rezepten und Points of Interests: „In der Wohnung geht es um Informationen – schnell welche bekommen und sich dann für Neue interessieren“, sagt Künstlerin Silvia Liebig. So schläft der Gast umgeben von riesigen Stadtplänen, die ihm zum Beispiel verraten, wo er Backwaren bekommt, sich die Haare schneiden lassen kann, ärztliche Versorgung erhält oder die U-Bahn findet. Besonders für Besucher, die länger bleiben wollen, ein praktisches Angebot. Alle anderen freuen sich vermutlich am meisten über die Sightseeing-Tipps.

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Neben der Wandkarte liegen Nägel, hängt ein Hammer: Der Gast selber soll ergänzen, kommentieren; bis irgendwann eine Art Nordstadt-Wiki entsteht.

In der Küche findet sich ein weiteres Special der Wohnung: An der Wand hängen jede Menge Abreißblöcke. Auf ihnen stehen Restaurant-Tipps in der Nachbarschaft, genauso wie Rezepte samt Einkaufsliste, sollte man lieber selber kochen wollen. Mit jedem abgerissenen Zettel – denn dafür sind sie da, ergibt sich ein neues farbenfrohes Wandbild.

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Foto: M. Wegerhoff

Überhaupt bleibt hier nichts, wie es ist. Fast alle Möbel sind beweglich, sodass sich jeder Besucher sein eigenes Raumkonzept zusammenstellen kann. Soll das Bett beispielsweise lieber im Raum oder am Fenster stehen, brauche ich gerade einen Tisch oder soll ich ihn mit Matratze zu einem zweiten Bett umfunktionieren?

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2 in 1: Schreibtisch und Bett/ Foto: M. Wegerhoff

Dieses steht in einem weiteren Raum – einer Art Heimatmuseum. In Einmachgläsern – in typischer Ruhrpott-Kiosk-Manier, hat Künstlerin Silvia Liebig allerlei Typisches für die Umgebung zusammengestellt: sei es ein Stößchen-Glas, die „Kleine Tüte“ aus dem Kiosk oder auch Erinnerungen an Industriezeiten.

Wirklich spannend und eine ganz neue Art, den Urlaubsstandort besser kennenzulernen.

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Foto: M. Wegerhoff

Wohnung „Stahl“

Die zweite Wohnung ist völlig anders gestaltet. Sie setzt auf Klarheit und schlichtes Design. Denn sie ist hauptsächlich aus Stahl und erinnert somit an Dortmunds Industriezeiten. Stahl ist das Lieblingsmaterial von Künstlerin Caro Fugazzi; sie hat alle Möbel in Handarbeit gefertigt: „Es ist ein magisches Material. Denn es kann heiß oder kühl sein.“ Daher mag sie auch das Hoeschmuseum in der Nordstadt: „Ich finde schön, dass die Geschichte des Ruhrgebiets mit Kohle und Stahl zusammenhängt.“ Mit ihrer Wohnung schließt sich der Kreis.

Sie lebt selbst seit anderthalb Jahren in Dortmund und schätzt an der Stadt vor allem die Menschen: „Sie sind ehrlich, direkt und nehmen kein Blatt vor den Mund.“ Außerdem liebt sie die vielen Parks und historischen Bezüge sowie das „gute Bier“, erzählt sie schmunzelnd.

Wie passend also, dass sie hier in ihrer Wahlheimat, ihre erste Wohnung designt hat. Vorher hat sie vor allem Skulpturen erschaffen.

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Foto: M. Wegerhoff

Zum Hintergrund

Die Wohnungen wurden im Rahmen des Projekts appARTment.ruhr gestaltet. Künstler waren in einem Wettbewerb dazu aufgerufen worden, ihre Konzepte für Wohnungen einzureichen. Die Ideen von Caro Fugazzi und Silvia Liebig haben überzeugt und wurden – teilweise unter engagierter Mithilfe von Anwohnern, wie Liebig berichtet, umgesetzt.

Zunächst werden die Wohnungen nun in diesem Jahr seit September getestet – dafür stellt das Wohnungsunternehmen Vivawest Wohnen GmbH sie momentan kostenfrei zur Verfügung. Ab kommenden Jahr sollen sie dann offiziell vermietet werden und bestenfalls noch weitere Ferienwohnungen folgen, berichtet Volker Pohlüke von Machbarschaft Borsig11 e.V. Bereits jetzt gäbe es Anfragen – zum Beispiel von Künstlergruppen.

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Ausgezeichnetes und gefördertes Konzept

Dieses Konzept hat bereits 2017 den #urbanana Award, einen Preis für kreativen Städtetourismus in NRW, gewonnen. Das Projekt wird momentan vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW gefördert.

Die Ferienwohnung geben die Möglichkeit, die kulturelle Vielfalt und das Herz der Nordstadt zu erleben: „Sie richten sich an alle, die in die Kultur vor Ort eintauchen wollen“, so Volker Pohlüke. Eine passende Internetseite zum Projekt ist noch im Aufbau.

Wer Interesse daran hat, die Wohnungen zu testen und anschließend ein Feedback abzugeben, kann sich an folgende Mailadresse wenden: info@appARTment.ruhr.

Übrigens: Alle Erlöse aus dem Projekt kommen der Nachbarschaft zugute und werden gemeinnützigen Unternehmungen von Bewohnern in Form der Kunstwährung „Chance“ gespendet.